„Ich mache alles – nur keine OP“

Nach der Diagnose Speiseröhrenkrebs entschied sich Wolfgang Benning bewusst gegen eine Operation. An der Universitätsklinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Universitätsklinikum OWL, Campus Klinikum Lippe, fand der 71-Jährige aus Wesel mit der ESORES-Studie einen alternativen Behandlungsweg – und neue Hoffnung.

v.l.n.r.: Dr. Fabian Nimczewski, Patient Wolfgang Benning und Univ.-Prof. Dr. Jens Höppner (©Klinikum Lippe / Mandy Lange)

Als Wolfgang Benning im August 2025 einen Untersuchungstermin bei seinem Hausarzt vereinbart, fühlt er sich eigentlich gesund. Keine Schmerzen, keine Schluckbeschwerden, kein Gewichtsverlust. Und doch drängt ihn die Angst zum Termin. Zuvor war in seiner Familie Speiseröhrenkrebs diagnostiziert worden – eine Erfahrung, die ihn schließlich selbst zur Untersuchung bewegte. „Ich wollte einfach Gewissheit“, erinnert sich der 71-Jährige aus Wesel.

Die Untersuchung bringt genau die Diagnose, die er befürchtet hatte: Auch bei ihm wird ein Ösophaguskarzinom festgestellt – Speiseröhrenkrebs. Eine Erkrankung, die häufig erst spät erkannt wird, weil Symptome wie Schluckstörungen oder Gewichtsverlust oft erst in fortgeschrittenen Stadien auftreten. Für Wolfgang Benning ist die Diagnose ein Schock. Vor allem, weil er den Krankheitsverlauf seines Bruders hautnah miterlebt hat. Dieser hatte sich für die klassische Behandlung aus Chemotherapie, Operation und anschließender weiterer Therapie entschieden, verstarb aber wenige Wochen nach der OP. Deshalb stand für ihn fest: „Diese Operation möchte ich nicht.“

Die Suche nach einer anderen Behandlungsmöglichkeit führt ihn schließlich ins Internet – und von dort an die Universitätsklinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Universitätsklinikum OWL, Campus Klinikum Lippe. Hier stößt er auf Univ.-Prof. Dr. Jens Höppner und auf die sogenannte ESORES-Studie. Diese klinische Studie beschäftigt sich mit einer zentralen Frage moderner Krebsmedizin: Muss jede Patientin und jeder Patient mit Speiseröhrenkrebs nach erfolgreicher Vorbehandlung automatisch operiert werden – oder kann in ausgewählten Fällen auf die große Operation verzichtet werden?

„Die Behandlung von Speiseröhrenkrebs verändert sich derzeit grundlegend“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Jens Höppner, Direktor der Universitätsklinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Universitätsklinikum OWL, Campus Klinikum Lippe in Detmold. „Durch moderne Chemo-, Immun- und Strahlentherapien sehen wir bei einigen Patientinnen und Patienten eine komplette Rückbildung des Tumors in der Speiseröhre. Die ESORES-Studie untersucht deshalb, ob wir ausgewählten Betroffenen eine große Operation ersparen können, ohne dabei die Sicherheit dieser Patienten zu gefährden.“

Hintergrund der Studie ist die Beobachtung, dass bei manchen Patientinnen und Patienten nach der Vorbehandlung keine lebenden Tumorzellen mehr nachweisbar sind. Bisher gilt die Operation, an deren aktuellen Therapieleitlinien Höppner ebenfalls beteiligt war, dennoch als Standardtherapie. Die ESORES-Studie untersucht deshalb ein sogenanntes „Active-Surveillance-Konzept“ – also eine engmaschige Überwachung statt sofortiger Operation.

Dafür werden die teilnehmenden Patientinnen und Patienten regelmäßig untersucht. Zum Kontrollprogramm gehören unter anderem Computertomographie, Magenspiegelungen, endoskopischer Ultraschall sowie Gewebeproben. Ziel ist es, mögliche Veränderungen frühzeitig zu erkennen und nur dann zu operieren, wenn dies tatsächlich notwendig wird.

Genau dieser Ansatz gibt Wolfgang Benning Hoffnung. „Ich habe Prof. Höppner und Dr. Nimczewski im Internet gefunden und nicht mehr lockergelassen“, erzählt er mit einem Lächeln. „Ich habe gesagt: Ich mache alles – nur keine OP.“ Damit beginnt für ihn ein anderer Weg. Er erhält wohnortnah Chemotherapie und Immuntherapie und wird gleichzeitig in das engmaschige Nachsorgeprogramm der ESORES-Studie am Klinikum Lippe eingebunden. Alle drei Monate fährt er nun rund 200 Kilometer von Wesel nach Detmold. Die regelmäßigen Untersuchungen gehören inzwischen fest zu seinem Alltag.

„Das Entscheidende bei diesem Konzept ist die intensive und engmaschige Überwachung“, erklärt Dr. Fabian Nimczewski, Oberarzt der Universitätsklinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie. „Wir kontrollieren sehr genau, ob sich erneut Tumorzellen nachweisen lassen. Sollte das der Fall sein, kann gemeinsam mit dem Patienten die Entscheidung für eine Operation immer noch getroffen werden. Dieses Vorgehen bedeutet aber für viele Patientinnen und Patienten eine echte Chance auf mehr Lebensqualität.“

Die Untersuchungen dauern meist ein bis zwei Tage. Nach der Magenspiegelung mit Sedierung darf Wolfgang Benning nicht selbst nach Hause fahren. Seine Partnerin begleitet ihn deshalb häufig nach Detmold. „Ich fühle mich hier wirklich gut aufgehoben“, sagt er. „Das Personal ist unglaublich freundlich und zuvorkommend.“

Heute, rund neun Monate nach Beginn seiner Behandlung, ist vom Krebs nichts mehr nachweisbar. „Der Krebs ist weg“, sagt Benning ruhig. Zweifel an seiner Entscheidung gegen die Operation habe er bis heute keine. Er sagt: „Für mich war das genau der richtige Weg.“

Seine Lebensqualität ist geblieben, aber sein Alltag hat sich verändert. Heute achtet er stärker auf sich selbst. Vor allem seine Ernährung hat er umgestellt. „Früher mochte ich nichts Grünes“, erzählt er lachend. „Heute esse ich deutlich gesünder.“ Die Krankheit hat ihn verändert. Stundenlang habe er recherchiert, medizinische Fachbegriffe gelernt und sich intensiv mit seiner Erkrankung beschäftigt. „Mittlerweile bin ich fast selbst Professor“, sagt er lächelnd. Trotz aller Ernsthaftigkeit blickt er positiv in die Zukunft. Die regelmäßigen Kontrollen geben ihm Sicherheit. Die Angst sei nie ganz verschwunden, aber sie bestimme sein Leben nicht. „Bis jetzt war immer alles unauffällig“, sagt er. „Und ich hoffe natürlich, dass das so bleibt.“

Speiseröhrenkrebs zählt zu den vergleichsweise seltenen, aber besonders aggressiven Tumorerkrankungen. In Deutschland erkranken jährlich rund 8.000 Menschen neu an einem sogenannten Ösophaguskarzinom. Medizinisch werden dabei zwei Hauptformen unterschieden: das Plattenepithelkarzinom, das häufig mit Rauchen und Alkoholkonsum in Verbindung gebracht wird, sowie das Adenokarzinom, das oft durch chronischen Reflux, also dauerhaftes Sodbrennen, und Übergewicht begünstigt wird. Besonders die Zahl der Adenokarzinome ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich angestiegen.

Gerade deshalb gewinnt die Forschung zu neuen Behandlungsmöglichkeiten zunehmend an Bedeutung. An der Universitätsklinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Universitätsklinikum OWL, Campus Klinikum Lippe, werden moderne Therapiekonzepte und klinische Studien gezielt in die Patientenversorgung eingebunden.

„Die Behandlung von Speiseröhrenkrebs verändert sich derzeit grundlegend“, betont Prof. Dr. Jens Höppner. Moderne Therapieansätze eröffneten heute Möglichkeiten, die noch vor wenigen Jahren kaum denkbar gewesen seien. Er ergänzt: „Klinische Studien sind ein wichtiger Bestandteil moderner Universitätsmedizin. Unser Ziel ist es, Patientinnen und Patienten schon heute innovative und zugleich möglichst schonende Therapiekonzepte zugänglich zu machen.“

Für Wolfgang Benning zählt am Ende vor allem eines: Lebensqualität. „Ich kann meinen Alltag ganz normal leben“, sagt er. „Und dafür bin ich einfach dankbar.“

Informationen zur ESORES-Studie am Klinikum Lippe

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