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Erinnerungsgottesdienst für Eltern, die ihr Kind verloren haben

12. Juni | 17:00 - 18:30

Den Kindern einen Platz geben

20 Jahre Erinnerungsgottesdienst des Klinikums Lippe

Es sind kleine Namen auf großen Herzen. Manche davon wurden nie ausgesprochen. Manche Kinder bekamen auch nie einen Namen – und doch hatten sie längst einen Platz im Leben ihrer Eltern. Sie waren verbunden mit Hoffnungen, mit Zukunftsplänen, mit ersten vorsichtigen Vorstellungen davon, wie das gemeinsame Leben einmal aussehen könnte.

Dann endet eine Schwangerschaft plötzlich. Ein Herz hört auf zu schlagen, bevor das Leben richtig beginnen konnte. Manche Kinder leben nur wenige Wochen im Mutterleib, andere wenige Stunden oder Tage nach der Geburt. Und dennoch hinterlassen sie Spuren – tief und dauerhaft.

Zurück bleiben Eltern, Geschwister, Großeltern, Freunde. Zurück bleiben Fragen, Erinnerungen und oft auch eine Trauer, für die es lange kaum Worte gab. Denn Fehl- und Totgeburten waren über Jahrzehnte ein Thema, über das geschwiegen wurde. Viele Familien mussten ihren Verlust allein tragen.

Im Klinikum Lippe entstand deshalb schon früh ein anderer Umgang mit diesem Schmerz: offen, zugewandt und menschlich. Daraus entwickelte sich vor 20 Jahren der Erinnerungsgottesdienst für verstorbene Kinder – ein Ort für Trauer, Erinnerung und Begegnung. Ein Ort, an dem Kinder einen Platz bekommen. Mit Namen. Oder einfach mit ihrer Geschichte.

Wenn am Freitag, 12. Juni 2026 um 17.00 Uhr in der Erlöserkirche am Markt in Detmold Kerzen leuchten, Musik erklingt und Eltern schweigend nebeneinandersitzen, dann geht es genau um diese Kinder. Um Sternenkinder. Um Erinnerung, um Trauer und darum, dass niemand mit diesem Verlust allein bleiben soll. In diesem Jahr feiert der Erinnerungsgottesdienst für Eltern, die ihr Kind verloren haben, für Familien, Freunde und Freundinnen und für alle, die die Trauer mittragen, sein 20-jähriges Bestehen.

„Früher wurde darüber geschwiegen“

FrauFür Gerlinde Kriete-Samklu ist das Jubiläum auch eine Reise zurück in eine Zeit, in der Fehl- und Totgeburten kaum öffentlich thematisiert wurden. Seit 1998 arbeitet sie als Krankenhausseelsorgerin im Klinikum Lippe – und erinnert sich noch gut an die ersten Begegnungen mit dem Thema.

Schon kurz nach ihrem Start in Detmold fragte sie nach, wie man im Krankenhaus mit Fehlgeburten umgehe. Die evangelische Krankenhausseelsorge habe das Thema damals verstärkt in die Kliniken getragen. Unterstützt wurde sie dabei von einer leitenden Hebamme, die bereits früh sehr sensibel mit betroffenen Familien umging. Doch auch für die Mitarbeitenden selbst sei der Umgang nicht selbstverständlich gewesen. „Hebammen sind eigentlich für das Leben da“, sagt Gerlinde Kriete-Samklu ernst. „Auch die Professionellen mussten damals erst lernen, wie man mit diesem Verlust umgeht.“

Ein kleiner Sarg beim Tag der offenen Tür

Ein Schlüsselmoment folgte 1999. Beim Tag der offenen Tür gestaltete die Krankenhausseelsorge einen Stand – mit einem kleinen Baumsarg. „Viele Frauen blieben stehen und fühlten sich sofort angesprochen“, erinnert sich die evangelische Krankenhausseelsorgerin. Kurz darauf erschien ein Zeitungsartikel mit der zu dieser Zeit ungewöhnlich klaren Überschrift: „Föten enden nicht mehr im Müll“. Die Resonanz sei überwältigend gewesen.

Immer mehr Betroffene meldeten sich. Frauen hätten Gesprächsbedarf gehabt, obwohl ihre Fehlgeburt Jahre zurücklag. Eltern wollten endlich über ihre Kinder sprechen. Aus diesen Begegnungen entstand die Idee eines Erinnerungsgottesdienstes, der im April 2006 erstmals stattfand. „Der alte Andachtsraum platzte mit der Zeit aus allen Nähten“, erzählt Gerlinde Kriete-Samklu. Bald reichte der Platz nicht mehr aus und deshalb wechselte die Veranstaltung später in die Diakonis-Kirche.

„Jetzt hat mir das Gespräch gutgetan“

Der Erinnerungsgottesdienst ist eingebettet in ein umfassendes Begleitangebot für betroffene Familien, das bereits unmittelbar nach dem Verlust des Kindes präsent ist. Viele Rituale, die inzwischen selbstverständlich erscheinen, mussten damals erst entwickelt werden. „Bei einem Stationsbesuch traf ich auf eine betroffene Frau, mit der ich in ein langes Gespräch kam“, erzählt Kriete-Samklu. „Es stellte sich heraus, dass sie im Kreißsaal das Gesprächsangebot abgelehnt hatte. Nun meinte sie: Jetzt hat mir das Gespräch doch gutgetan.“ Bis heute ermutigen die Mitarbeitenden Eltern dazu, ihr Kind anzuschauen, es zu berühren, Fotos zu machen oder ihm einen Namen zu geben. Kriete-Samklu weiß: „Das klingt heute selbstverständlich, war es aber lange nicht.“

Besonders wichtig sei ihr der Blick auf die gesamte Familie – auch auf Geschwisterkinder. „Wir Erwachsenen machen oft den Fehler, Kinder nicht einzubeziehen“, sagt sie. „Kinder spüren ohnehin, dass etwas anders ist. Wenn man schweigt, lernen sie: Wenn etwas Schlimmes passiert, darf man nicht darüber sprechen.“ Dabei gehe es nicht darum, den Schmerz zu nehmen. „Es geht nicht weg“, sagt Kriete-Samklu, „aber gemeinsam kann man es anders aushalten.“

Ein Ort für Erinnerung

Zum Abschied gehören oft kleine Rituale: ein Gebet, ein Segenswort, ein Foto, ein Hand- oder Fußabdruck. Auch die Bestattung der Kinder wurde über die Jahre neu gedacht. Auf dem Kupferbergfriedhof in Detmold gibt es heute eine eigene Gräberfläche für Sternenkinder. Eltern können selbst entscheiden, ob und wie sie ihr Kind bestatten lassen möchten, wenn es unter 500 Gramm wiegt. Ab einem Gewicht von 500 Gramm ist eine Einzelbestattung vorgeschrieben. Schon in der Klinik erhalten Eltern Hinweise auf Selbsthilfegruppen und Beratungsangebote.

Eine dieser Gruppen begleitet heute Kathrin Walther. Sie weiß selbst, wie sich der Verlust eines Kindes anfühlt. Ihr Sohn Felix starb 2015 während der Schwangerschaft. Lange suchte sie nach Menschen, die ihre Erfahrung teilen konnten. Schließlich fand sie den Gesprächskreis Sternenkinder in Detmold. Sternenkinder – so werden Babys genannt, die vor, während oder kurz nach der Geburt sterben. Der Austausch mit anderen Betroffenen habe ihr geholfen, mit der eigenen Trauer umzugehen.

Und deshalb engagiert sich Kathrin Walther heute selbst für betroffene Familien. Sie begleitet den Gesprächskreis Sternenkinder Lippe, eine Selbsthilfegruppe für Eltern, die ihr Kind während der Schwangerschaft, bei oder kurz nach der Geburt verloren haben. Dort finden Mütter und Väter Raum für Austausch, Verständnis und gegenseitige Unterstützung – oft mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Neben persönlichen Treffen informiert die Initiative auch online über Hilfsangebote, Trauerbegleitung und Ansprechpartner. Weitere Informationen finden Betroffene unter sternenkinder-lippe.de.

Erinnerungsgottesdienst

Der Erinnerungsgottesdienst wird einmal jährlich gemeinsam von Hebammen, Kinderkrankenschwestern, Kinderärzten, Gynäkologen und der Krankenhausseelsorge gestaltet. Viele ehemalige Betroffene kommen jedes Jahr wieder.

Jeder Gottesdienst steht unter einem eigenen Thema. Noch nie habe sich eines wiederholt, sagt Kriete-Samklu. In diesem Jahr lautet es: „Herz“. Musik spielt dabei eine besondere Rolle, denn sie kann Trost spenden, wenn Worte es nicht vermögen. Es gibt auch eigens geschriebene Lieder und Trostgeschichten für Familien. Seit vielen Jahren verfasst die niedergelassene Kinderärztin Dr. Natalie Hellermann Geschichten für den Gottesdienst.

Und vielleicht beschreibt genau das den Kern dieser besonderen Veranstaltung: Erinnerung sichtbar machen. Den Kindern einen Platz geben. Und den Eltern und Familien die Gewissheit, dass ihre Trauer bleiben darf.

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